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Trotz Skepsis: KERS kommt 2009

04. August 2008 - 11:52 Uhr

In Ungarn wurde beschlossen, dass KERS wie geplant 2009 eingeführt werden soll - Mario Theissen Befürworter, Renault strikt dagegen

BMW Sauber F1 Mechaniker
Solche Bilder will keiner sehen: Stromschlag bei Tests von BMW in Jerez
© xpb.cc

(Motorsport-Total.com) - Jedes Formel-1-Jahr hat sein heißes Thema: 2006 waren es die flexiblen Flügel, 2007 die Spionageaffäre, 2008 ist es eben KERS. Die für nächste Saison geplante Einführung der Hybridtechnologie sorgt nach den jüngsten Zwischenfällen (Feuer bei Red Bull, Stromschlag für einen Mechaniker von BMW) weiter für Diskussionen.

Am Hungaroring fand am Sonntagmorgen ein Treffen der Teamchefs statt, bei dem das Thema neuerlich besprochen wurde. Nach unseren Informationen sind momentan nur drei Teams für die Einführung (BMW, Williams, Honda), aber fünf (Renault, Red Bull, Toyota, Toro Rosso, Force India) dagegen. Ferrari und McLaren, so hört man, würden sowohl die Einführung wie geplant wie auch eine Verschiebung mittragen.

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Honda soll am besten aufgestellt sein

Als Hardliner hinsichtlich KERS werden BMW und Williams eingeschätzt, denn BMW möchte das Produkt langfristig für die Serienproduktion nutzen und Williams hat wegen KERS ein externes Unternehmen gekauft, das das System entwickeln wird. Honda wiederum wäre froh über eine frühe Einführung, weil die Japaner Gerüchten zufolge am weitesten sein sollen - und bei ihren ersten Streckentests auch keinerlei Schwierigkeiten hatten.

Renault-Teamchef Flavio Briatore hingegen ist einer derjenigen, die KERS auf keinen Fall schon 2009 in der Formel 1 sehen wollen. Gerade den Standpunkt von BMW kann er nicht nachvollziehen: "Sie wollen einfach nicht einsehen, dass wir uns besser Zeit lassen mit der Einführung dieser Technologie. Ausgerechnet BMW, die nach dem Unfall mit dem Mechaniker eigentlich gewarnt sein müssten", wird der Italiener von 'auto motor und sport' zitiert.

"Unsere Ingenieure haben ausgerechnet, dass uns der Einsatz von KERS pro Rennen 700.000 Euro kostet. Wenn sich im nächsten Jahr herausstellt, dass einer von uns das bessere System hat, müssen alle nachrüsten. Am Ende haben wir alle das Gleiche und immens viel Geld verschwendet", kritisierte Briatore. "Das ist der gleiche Blödsinn wie mit den Schnellschaltgetrieben: Heute hat sie jeder, aber die Technik, die keinen einzigen Zuschauer interessiert, hat Millionen gekostet."

Theissen versteht KERS-Gegner

BMW Motorsport Direktor Mario Theissen sieht das Thema etwas differenzierter. Er könne die Argumente der KERS-Gegner "absolut" verstehen: "Es gibt natürlich Argumente, die man beachten muss. Das eine sind Sicherheitsaspekte. Es ist klar, dass auch wir KERS nicht fahren werden, solange wir nicht sicher sind, dass diese Themen alle abgearbeitet wurden. Wir sind aber sehr zuversichtlich, dass das der Fall sein wird", so der Deutsche.

"Das zweite Thema sind finanzielle Aspekte. Da kann ich die unabhängigen Teams verstehen, für die KERS eine Mehrbelastung darstellt", hielt Theissen fest. Briatore rätselt darüber, dass sich Frank Williams keine Sorgen macht, der offenbar mit Kosten von nur 2,5 Millionen Euro rechnet: "Ja glaubt er denn wirklich, dass er damit gegen Systeme von Herstellern antreten kann, die das Zehnfache investieren? Frank lässt sich von seinen Technikern anlügen."

Magneti-Marelli beliefert die meisten Teams

Theissen wiederum glaubt nicht, dass die Kluft zwischen großen und kleinen Teams noch größer wird, denn die meisten Privatteams beziehen ihr KERS ohnehin vom Zulieferer Magneti-Marelli. Auf die Frage, ob die Herstellerteams am meisten profitieren werden, entgegnete er: "Da bin ich mir nicht so sicher, denn auch einige Hersteller vertrauen auf denselben Zulieferer, der auch den unabhängigen Teams das Produkt anbietet. Von daher glaube ich das in dem Fall nicht."

"Die Kollegen von den Herstellerteams", meinte Theissen weiter, "die ihr eigenes KERS entwickeln, für die zählt das Argument Kosten eigentlich nicht, denn die Entwicklung würde genauso weitergehen, wenn wir den Einsatz um ein Jahr verschieben. Es ist noch kein Projekt dadurch billiger geworden, dass man seine Markteinführung verschiebt. In meinen Augen wäre das sogar noch schlimmer, denn wir würden dasselbe Geld ausgeben, aber das Produkt nicht auf der Bühne präsentieren."

Überhaupt ist der 55-Jährige skeptisch, ob die KERS-Kritiker tatsächlich wegen Sicherheit und Kosten besorgt sind oder ob in Wahrheit ganz andere Motive den Ausschlag geben: "Glaube ich wettbewerbsfähig zu sein mit oder ohne? Das spielt im Hintergrund auch eine Rolle." Und Honda-Teamchef Ross Brawn findet sowieso: "Der Einsatz von KERS ist nicht bindend vorgeschrieben. Wir müssen uns auf uns selbst verlassen. Wenn keiner mit KERS fährt, gibt es eben kein KERS."

Verschiebung vorerst abgewiesen

Vermutlich sind alle Streitereien sowieso hinfällig, denn beim gestrigen Meeting wurde beschlossen, dass vom derzeitigen Plan zumindest im Moment nicht abgewichen wird: "Es bleibt bei dem, was wir haben", bestätigte Theissen gegenüber 'Motorsport-Total.com'. Auch John Howett von Toyota unterstrich auf unsere Frage hin: "Im Moment gibt es in Bezug auf die Verschiebung keine Einigkeit. Wir werden aus diesem Grund mit KERS wie bisher weitermachen."

Ein Faktor, der bisher nicht bedacht wurde, ist die Öffentlichkeitswirksamkeit des Themas, denn so positiv es auch sein mag, eine umweltfreundliche Technologie in der Königsklasse des Motorsports einzuführen, so wäre es gleichzeitig keine schöne Sache, im TV mitansehen zu müssen, wie die Mechaniker reihenweise Stromschläge erleiden. Der Jerez-Stromschlag bei BMW wurde im Internet alleine bei 'YouTube' schon eine halbe Million Mal abgerufen.

Also haben wir unsere Leser gefragt, wie sie zum Thema KERS stehen. Überraschend: Eine deutliche Mehrheit von 51,41 Prozent findet, dass KERS ganz normal 2009 eingeführt werden sollte. 4,28 Prozent sind für eine Verschiebung auf Mitte 2009, 18,63 Prozent für eine auf 2010. Immerhin 25,68 Prozent sprechen sich dafür aus, KERS gar nicht in die Formel 1 zu bringen. Insgesamt wurden im Rahmen unserer Umfrage knapp 4.500 Stimmen abgegeben.

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