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Pharaonen-Rallye: Schicksalsmomente in den Dünen

10. Oktober 2008 - 19:14 Uhr

Luca Manca musste sich entscheiden: Um den Klassensieg kämpfen oder einem schwer verletzten Kollegen helfen? Er entschied sich für den Kollegen

Pharaonen-Rallye
Am vorletzten Tag der Pharaonen-Rallye kam es zu Dramen in der Wüste
© MST

(Motorsport-Total.com) - Drama im Wüstensand: Der Italiener Marco Sartori stürzt mitsamt seiner KTM eine steile Düne herab. Zu schnell unterwegs gewesen, den Abhang falsch eingeschätzt. Bewegungslos bleibt er im heißen Staub liegen. Von hinten nähert sich sein Landsmann Luca Manca (Team M&M) - mit Highspeed, denn für ihn geht bereits jetzt, bei der sechsten und damit vorletzten Etappe der Pharaonen-Rallye in der ägyptischen Wüste um den möglichen Sieg in der Klasse 450er. Manca muss eine Entscheidung treffen. Schnell.

Schon am Morgen war die Stimmung unter den Motorradfahrern angespannt. Manca sowie seine Landsmänner Alessandro Zanotti (Team Aprilia) und Oscar Polli (Team Free Racing) haben ihre Startpositionen selbst gewählt, abweichend von der Platzierung des Vortags, die eigentlich die Startaufstellung vorgibt. Laut einer Neuerung im FIM-Reglement ist dies zulässig, der ungeschriebene Ehrenkodex der Fahrer verbietet es dennoch. Kaum jemand bricht ihn - bei der Pharaonen-Rallye wagten es Fahrer allerdings schon zwei Mal in einer Woche. Manca riskierte seinen Ruf ebenfalls, um in dieser Etappe die bestmögliche Platzierung und somit das bestmögliche Ergebnis der Klasse einzufahren.

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Als Manca Sartori liegen sieht, hält er an. Die Sekunden verrinnen. Er drückt den Notrufknopf auf Sartoris Maschine. Er scheint nicht zu funktionieren. Sartori hat Probleme beim Atmen, reagiert nicht, liegt bewusstlos am Fuß der Düne. Manca sieht, dass der nächste Streckenposten nur 400 Meter entfernt ist - und entscheidet sich, von dort Hilfe zu holen, statt auf seine eigene Zeit zu achten. Binnen Minuten ist der Rettungshubschrauber zur Stelle. Sartori wird nach Kairo geflogen. Dort wird er mit schweren, aber nicht lebensgefährlichen Verletzungen behandelt. Sein Zustand ist stabil.

Das Drama hat eine tragische Vorgeschichte: 2004 war Sartori als Werksfahrer von KTM bei der Pharaonen-Rallye angetreten. Als jedoch sein Teamkollege Richard Sainct auf der Strecke tödlich verunglückte, zog KTM alle Fahrer aus dem Wettbewerb zurück. Dieses Jahr wird Sartori die Rallye nicht zu Ende fahren können.

Manca wurde in dieser Etappe Fünfter. Nicht der erhoffte Platz, aber dafür hat er jede Menge Ehren-Punkte gut gemacht. Für ihn geht es ohnehin nur um die interne Konkurrenz - in der Gesamtwertung der Motorradfahrer liegen der Franzose David Casteu und der Niederländer Frans Verhoeven (beide auf KTM 690 Rally) deutlich in Führung. Die beiden trennen nur dreieinhalb Minuten, ihr nächster Verfolger Matteo Graziano (Il Team) liegt 40 Minuten dahinter. Sie waren als Favoriten gestartet und konnten bisher ihrer Rolle mehr als gerecht werden - und fuhren heute ebenfalls nach Strategie, die aber nichts mit Startpositionen zu tun hatte.

Ruhig und konzentriert durch die Etappe kommen - das war die Losung, die Teamkapitän Verhoeven ausgegeben hatte, obwohl er selbst nur wenige Sekunden hinter David Casteu liegt. "Wir haben uns nicht angegriffen oder verfolgt, waren auf der Strecke weit genug auseinander, und David hat den Tagessieg geholt", sagt Verhoeven ganz entspannt.

Testlauf für die Rallye Dakar

"Ich freue mich, dass wir, wenn morgen nichts dazwischen kommt, die ersten zwei Plätze holen können." Und schon vor Tagen hatte er verkündet: "Ich wünsche mir, dass David den Sieg holt". Das riecht nach Stall-Order, aber Verhoeven geht es noch um etwas ganz anderes. Der ehemalige KTM-Werksfahrer hat mit Vectra ein neues Team aufgebaut und möchte damit bei dem nächsten Dakar mächtig auffahren. Die Pharaonen-Rallye ist für ihn ein Testlauf, und eine Möglichkeit, jüngere Fahrer wie den Rumänen Emanuel Gyenes aufzubauen. "Wir können ihm hier viel beibringen", sagt Verhoeven, "und wir wachsen zusammen".

"Rollen lassen" war auch die Tageslosung des führenden Autofahrers und Favoriten Christian Lavieille (Nissan Hardbody, Team Dessoude), der nahezu uneinholbar vorne liegt und sich außer einem Ausfall fast alles erlauben kann. Er kam dennoch auch in der sechsten Etappe als schnellster durch Sand und Kies. Seine Verfolger gaben auf der Strecke jedoch alles - mit den unterschiedlichsten Ergebnissen. Der Brasilianer Carlo de Gavardo (GT Offroad), der stark gestartet war, aber während der Woche mit zahlreichen technischen Problemen zu kämpfen hatte, fand zu alter Form zurück und kam auf den dritten Platz.

Crash des Holzknecht-Buggys

Der ägyptische Buggy mit dem deutschen Beifahrer Thomas Holzknecht startete mit großen Ambitionen und einem schönen Traum von einem Platz auf dem Podium - doch der zerplatzte jäh mit dem zweiten Monster-Crash des Tages. Holzknecht erlitt eine extrem schmerzhafte Rückenverletzung, sein Fahrer Abou Youssef Abdel Hamid ein Schleudertrauma. Mit Ach und Krach erreichten sie zu später Stunde das Camp im Oasendorf Baharija und wurden dort bereits von den Ärzten und Pflegern erwartet. Ob sie die letzte Etappe überhaupt noch fahren können, ist unklar.

Der zweite Deutsche, Rainer Wissmans, hatte da schon ein paar Stunden Erholung und Spaß mit den Jungs vom Team hinter sich. Er war mit seinem Bowler Wildcat wieder konstant unterwegs gewesen. Das Ergebnis der Rennwoche hat seine eigenen Erwartungen deutlich übertroffen - war er doch vor allem gestartet, um den Franzosen Patrick Sireyjol als Teamkollege zu unterstützen und im Wagen Ersatzteile zu transportieren. Sireyjol steht vor der letzten Etappe auf Platz zwei in der Gesamtwertung, Wissmans mit seinem Copiloten Pierre auf Platz acht.

Bei der Pharaonen-Rallye 2007 erlebte Wissmans ein ähnliches Drama wie in diesem Jahr Sartori. Auch er hatte in einer der Dünen einen schweren Unfall und musste mit dem Hubschrauber ausgeflogen werden, der Wagen war ein Totalschaden. Damals war er Copilot, jetzt fährt er selbst, und hat in dieser Rennwoche oft an seinen Horror-Crash gedacht: "Das hast Du irgendwie noch im Bauch", sagt er. Genossen hat er die Pharaonen-Rallye trotzdem aus vollen Zügen. Der Teamgeist und die freundschaftliche Atmosphäre im Camp wie auch auf der Strecke sind seine Highlights ("Wir sind keine Konkurrenten, sondern Partner und Freunde"), und natürlich die "sehr anspruchsvolle Strecke mit ihrem hohen Schwierigkeitsgrad", wie er sagt. Vor allem aber beeindruckt ihn die Landschaft: "Die Weite und Unberührtheit dieser Wüste sind unbeschreiblich." Er schwärmt von den Felsformationen, von den Farbspielen des Sandes: "Es gibt keinen Maler der Welt, der sich das ausdenken könnte."

Die letzte Etappe führt morgen zurück nach Kairo - dann wird der Tross zum ersten Mal seit einer Woche wieder auf Verkehrsampel treffen. Schluss mit Vollgas in den weiten der Wüste. Zumindest bei den Motorradfahrern wird es ein Wimpernschlagfinale geben.

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